Mein Vater. Tod-Sucher, Drachentöter.

Vom 17.Dezember 2013.

Vor einer ganzen Weile las ich in einem Artikel „Selbstmörder sind schwach und egoistisch.“
Im ersten Augenblick stimmte ich aus tränenverblendeten Augen und einem Ich das vor Schmerz völlig zerrissen war beherzt zu, doch je länger ich darüber nachdachte, desto absurder schien mir diese Aussage.

Ich möchte mit Euch meine Gedanken teilen, nachdem sich mein Vater am 27.Juli 2013 das Leben genommen hat ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Ohne eine Erklärung oder ein letztes liebes Wort an seine beiden Töchter, Schwager, Frau, Freunde oder Enkel zu verlieren.

Und ich glaube es ist sehr viel egoistischer von jemandem zu erwarten ein Leben weiterzuführen mit dem er nicht glücklich sein kann, egal wie sehr es schmerzt ihn gehen zu lassen.
Vor 22 Jahren, als er 28 war, wurde mein Vater aufgrund eines traumatischen Erlebnisses depressiv und verdrängte das alles bis etwa 2008.
Als er sich das Leben nahm waren er und meine Mutter 25 Jahre verheiratet, er war gerade 50 geworden. Wir versuchten alles um ihm zu helfen, ihn aus seiner Depression zu holen. Auch er wollte wieder glücklich sein, er hat beinahe alles versucht dieses Ziel zu erreichen: Glücklich sein.
Er wollte keine Therapie machen, ein schreckliches Überbleibsel seiner engstirnigen und streng katholischen Mutter. Die Unfähigkeit diese Barriere zu überwinden nehme ich ihm nicht übel. Ich würde auch einem Epileptiker keinen Vorwurf machen wenn er am Steuer verunglückt weil er einen Anfall hatte.
Das mag sich anhören als griffe ich, hinterbliebene Tochter, nach einer letzten Instanz, einer verzweifelten Erklärung warum er sich das Leben genommen hat, wer jedoch hinter meine Worte blickt und dem was ich zu sagen habe ein oder zwei Gedanken schenkt, der wird es verstehen.
Ja, er war nicht in der Lage eine Therapie zu machen. Jedoch hielt ihn das nicht davon ab alles andere zu versuchen, Dinge, die er selbst einleiten und kontrollieren konnte, Dinge die ihm nicht das Gefühl gaben ein Fremder stocherte in seiner Seele herum.
Sport, Hobbies, Freunde, Homöopathie, Antidepressiva - er bemühte sich vier Jahre, wieder ein Licht in seinem Leben sehen zu können. So sehr er uns auch geliebt hat - nach diesen vier Jahren hat er aufgegeben.
Ich bin stolz auf ihn.
Stolz darauf, dass er es so sehr versucht hat und ich habe mich nie zuvor so sehr geliebt von ihm gefühlt wie heute.
Vier Jahre lang ertrug er die Hölle auf Erden - aus Liebe zu uns.
Ich vermisse meinen Vater mehr als jemals zuvor einen Menschen, aber ich respektiere seine Entscheidung und für mich wird er eine der stärksten und mutigsten Personen bleiben, die ich jemals gekannt habe.


Er war weder selbstsüchtig, noch schwach - er hat einfach nur einen Kampf verloren, den er wie ein Held gekämpft hat.

Dafür, dass er sich so viele Jahre zuvor Fesseln hat anlegen lassen, von denen er sich nicht befreien konnte war nicht seine Schuld.
All die Wut die ich in den letzten Monaten hatte ist fort. Was bleibt ist eine tiefe Trauer und ein großes Loch in meinem Leben. Aber mein Vater hat mich geliebt - sehr sogar. Und mit diesem Wissen wird es irgendwann gut werden.
Wenn ich heute, ein halbes Jahr später an ihn denke, dann weine ich noch immer manchmal.
Ich fand neulich auf dem Speicher das letzte Hemd das er getragen hatte und das im Schlafzimmer lag. Ich habe damals einfach alles genommen und in eine dunkle Ecke gestopft, damit meine Mutter nicht 'darüberstolpert'.
Als ich die Weihnachtsdeko suchte kam es mir in die Hände. Ich überlegte kurz und dann roch ich daran.
Es roch nach Holz, nach Staub. Nach Speicher.
Papa ist fort. Gänzlich.
In diesem Moment traf es mich wie eine Bombe.

Aber die meiste Zeit muss ich lächeln, wenn ich mich an ihn erinnere.
Ich lächle, weil meine letzte Erinnerung an ihn ist, wie er in Badehosen im Garten steht, gießt und sich mit dem Hund unterhält.
Ich lächle, weil ich mich daran erinnere wie er manchmal so laut lachte, dass man es durch das ganze Haus hörte, dass er immer wenn er etwas erklärte die Hände ausstreckte und damit irgend einen Abstand symbolisierte. Daran, wie er jedes Jahr das erste noch warme Vanillkipferl probiert hat und grinste und daran, dass er zu Rosinen Weinberle sagte.
Ich erinnere mich an seinen fränkischen Dialekt, wie er meinem Freund beim ersten Treffen auf die Schulter klopfte und mir zunickte - wie er immer nach frischem Holz roch und wie er mit meinen Nichten gespielt hat.

Ich liebe Dich Papa - und wo immer Du nun auch bist - Du wirst hier immer fehlen, aber ich werde nie mehr mit Gram und Wut an Dich denken.
Ich verzeihe Dir - und ich verzeihe auch mir.

27.7.14 02:48

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