Ich bin jetzt Halbwaise.

Was ist das eigentlich für ein 2013? Will mir irgend jemand da draußen irgendetwas damit sagen?
Ich berichtete von einem Jahresbeginn voller Weltensprünge und Explosionen.


Ich hatte ja keine Ahnung.


Ich bin jetzt Halbwaise.
Bevor ich nun weitererzähle möchte ich Euch das Lied zeigen, das eine Freundin auf der Beerdigung gesungen hat - begleitet von einer Akustikgitarre.

Doro Pesch - in Liebe und Freundschaft




Mein Vater ist tot. Mit 50.
Herzinfarkt? Krankheit?
Nein.

Er hat sich erhängt. Vier Wochen ist das jetzt her.
Ohne letzte Worte - ohne überhaupt ein einziges Wort.
Mehr möchte ich zu diesem Zeitpunkt zu diesem Thema nicht sagen.

Nun hat es sich begeben, dass vor zwei Wochen mein Hund starb - mit ganzen sieben Jahren.

Vor einer Woche habe ich erfahren, dass mein Onkel unheilbar an Krebs erkrankt ist und als Quittung für meine mangelnde Konzentration und die zwei Wochen andauernde Krankschreibung habe ich nun am Dienstag auf der Arbeit die Standpauke meines Lebens und eine Abmahnung erhalten.
Oh, und vor knapp drei Monaten habe ich erfahren, dass ich mit 23 im Besitz von sage und schreibe acht Nierensteinen bin.

Macht sich jemand Illusionen, wie weh Pinkeln eigentlich tun kann?

Und habe ich erwähnt, dass die Ehe meiner Schwester den Bach runtergeht?

Da frage ich mich doch gut gelaunt: What's next?

2012 dachte ich grob zu wissen, wohin das nächste Jahr mich führen wird.
Meine Eltern kriegen ihre Ehe wieder in den Griff, ich ziehe mit meinem Freund zusammen, mein Studium läuft besser - so Sachen eben.


Und nun?


Trotzdem hat dieses Jahr, das so viele lebensverändernde Einschläge mit sich brachte auch ein wundervolles Geschenk für mich bereitgehalten: Meinen Freund.

Nicht den Trottel, den ich (danke, danke, danke!) im Januar verlassen habe, sondern diesen wundervollen, motzigen Nörgler, den ich vor einem halben Jahr als mein Pflänzchen beschrieb. Als meine grüne Wiese.

Auch bevor dieser Shitstorm sich über mein Leben ergossen hat zeigte sich eines: Ich liebe ihn. Und zwar ganz anders als ich je zuvor geliebt habe.
Erwachsener. Unvergleichlich.

Ich bin schon lange nicht mehr der Mensch, der jemanden braucht der ihn an die Hand nimmt weil er sein Leben nicht allein auf die reihe bekommt.
Trotzdem oder gerade deswegen bin ich unendlich dankbar dafür, dass es ihn gibt.

All die Kraft, all die Liebe und Geborgenheit die dieser Mann mir schenkt lässt mich völlig sprachlos zurück.

Ich sagte ihm, was passiert war - wie es passiert war.
Dass mein Vater sich das Leben genommen und meine Mutter ihn gefunden hat. Dass er keine letzten Worte hinterlassen hat.
Dass er meiner Mutter das Herz gebrochen hat - uns allen.
.
Vermutlich versteht es keiner, das ist aber auch völlig egal, denn mir hat es die Welt bedeutet, was er geantwortet hat, weil es genau das war, was ich dachte.

Er sah mich an und sagte "Was für ein Arschloch."

Als auf der Beerdigung jeder einmal am Grab gestanden hatte (es waren ungefähr 900 Leute da, kein Witz) kamen wir an die Reihe.
Es fühlte sich an wie eine kleine Unendlichkeit, all diesen Menschen dabei zuzusehen wie sie Blumen und Erde und Weihwasser in dieses Loch warfen und spritzen. Es waren bekannte Gesichter dabei, aber auch fremde.
Und meine besten Freunde waren da - und so komisch es klingt, ich war froh, dass sie nicht an sein Grab sind. Sie standen etliche Meter weit weg unter einem Baum und ich wusste: Sie sind nicht seinetwegen hier. Sie sind hier, um mich zu unterstützen.
Nur für mich allein.
Das größte Geschenk an diesem Tag.

Trotzdem, irgendwann waren Mama, meine Schwester und ihr Mann und nicht zuletzt ich an der Reihe.

Ich stand mit hohen Schuhen im Gras, meine Absätze versanken.
Ich sah auf den Sarg in diesem Loch hinunter, so bedeckt mit losen Blumen und diesem wunderschönen Bouquet , dass ich kaum noch etwas vom Holz sah.

Ich sah in dieses Erdloch hinunter und die Zeit stand still-für den Bruchteil einer Sekunde nahm ich nichts wahr als mich und dieses Loch in dem mein Papa liegen sollte. Weil er es so wollte.
Und plötzlich drehte sich die Welt weiter.
Meine Beine gaben mit einem Ruck nach - gefallen bin ich nicht.


Mein leben war noch niemals ein solches Chaos- ich noch niemals so verletzt und traurig wie im Augenblick.Aber ich war auch noch nie im Leben so unermesslich dankbar.

Für meine Freunde, für den wundervollen Mann an meiner Seite.

29.8.13 23:37

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