Mein vergessenes Meer.

Lange, lange Zeit war ich nicht hier - heute habe ich die Muse.

Zunächst - Danke für all die Worte, danke für die Mails, die Gespräche und die Denkanstöße.
Und dann: Eine Empfehlung.

'Imaginaerum' - Ein Film der... anders ist.



An sich geht es um einen Alzheimer-Patienten, doch hat mich das nicht recht packen wollen. Wer wissen möchte wie (m)eine persönliche Vorstellung von und auch Erinnerung an Depression aussieht, der möge sich diesen Film ansehen.

Ich habe ihn gesehen, mit Spannung, mit Ekel, zuletzt mit Angst und schließlich weinend, auf dem Schoß meines Freundes liegend.

Auf der einen Seite zerrte so erbarmungslos und alles überwältigend die Erinnerung an all das Erlebte und all die Trauer um das nicht mehr zu Erlebende an jeder Faser meines Herzens, meines Seins - auf der anderen Seite hielten die sanften Finger in meinem Haar und der warme Atem auf meiner Wange mich einem Anker gleich im Hier - zu Hause. Einem Zuhause voll von Wärme, Liebe und Verständnis.

Ich habe so lange nicht mehr geweint, so lange nicht mehr dieses allumfassende Nichts spüren müssen und so lange musste ich mich nicht mehr fühlen, als würde ich die letzten Schritte mit ihm gehen, als steckte ich in seinem Kopf.

Doch es tat gut, so gut, wieder in mein Tränenmeer einzutauchen, einfach wieder alles wegzuweinen, was da in mir rumorte.
Nach dem Film sah mein Freund mir in die Augen und den Bruchteil einer Sekunde musste ich mich entscheiden - Deckel drauf oder Deckel runter von der Trauer.

Nun, der Titel lässt es erahnen - Deckel runter und ganz weit weg.

Und tief unten, auf dem Grund meines Tränenmeeres durfte ich erneut bemerken: Die Wut ist wirklich fort.
Auch anderthalb Jahre später.
Mein Gott, der wohl größte Kraftakt meines Lebens. Monatelang stand ich da, mit einer, entschuldigung, Seelenkotzenschneeschaufel (manchmal auch nur ein Löffel) und habe geackert und gearbeitet.

Meine Wut ist nicht wie befürchtet erstickt oder versteckt oder begraben - sie bleibt wirklich weg. Weggeschaufelt.

Ihr lieben Menschen, ich denke so oft an all jene, die es nicht so glücklich getroffen haben wie ich - an die, die noch nicht verzeihen können oder wollen, an jene, die keine warmen Finger in ihrem Haar haben sondern ganz allein stark sein müssen, meistens jedoch: Allein stark sein wollen.

Wer kann es Euch auch verübeln? Euch hat ein geliebter Mensch allein gelassen, einfach so - es scheint der reine Wahnsinn zu sein, die Nähe und den Trost anderer zuzulassen, kann doch keiner sagen, dass sie bleiben.
Ich glaube nicht, dass ich viel mutiger oder dümmer bin als andere.

Ich habe nur einfach aus Protest beschlossen, das meiste Glück aus meinem Leben herauszuholen, das ich bekommen kann.
Vielleicht ist das meine Art von Wut - Trotz(dem).

Trotzdem glücklich sein.


Eine wundervolle Zeit euch allen.

2.11.14 19:41, kommentieren

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Mein Vater. Tod-Sucher, Drachentöter.

Vom 17.Dezember 2013.

Vor einer ganzen Weile las ich in einem Artikel „Selbstmörder sind schwach und egoistisch.“
Im ersten Augenblick stimmte ich aus tränenverblendeten Augen und einem Ich das vor Schmerz völlig zerrissen war beherzt zu, doch je länger ich darüber nachdachte, desto absurder schien mir diese Aussage.

Ich möchte mit Euch meine Gedanken teilen, nachdem sich mein Vater am 27.Juli 2013 das Leben genommen hat ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Ohne eine Erklärung oder ein letztes liebes Wort an seine beiden Töchter, Schwager, Frau, Freunde oder Enkel zu verlieren.

Und ich glaube es ist sehr viel egoistischer von jemandem zu erwarten ein Leben weiterzuführen mit dem er nicht glücklich sein kann, egal wie sehr es schmerzt ihn gehen zu lassen.
Vor 22 Jahren, als er 28 war, wurde mein Vater aufgrund eines traumatischen Erlebnisses depressiv und verdrängte das alles bis etwa 2008.
Als er sich das Leben nahm waren er und meine Mutter 25 Jahre verheiratet, er war gerade 50 geworden. Wir versuchten alles um ihm zu helfen, ihn aus seiner Depression zu holen. Auch er wollte wieder glücklich sein, er hat beinahe alles versucht dieses Ziel zu erreichen: Glücklich sein.
Er wollte keine Therapie machen, ein schreckliches Überbleibsel seiner engstirnigen und streng katholischen Mutter. Die Unfähigkeit diese Barriere zu überwinden nehme ich ihm nicht übel. Ich würde auch einem Epileptiker keinen Vorwurf machen wenn er am Steuer verunglückt weil er einen Anfall hatte.
Das mag sich anhören als griffe ich, hinterbliebene Tochter, nach einer letzten Instanz, einer verzweifelten Erklärung warum er sich das Leben genommen hat, wer jedoch hinter meine Worte blickt und dem was ich zu sagen habe ein oder zwei Gedanken schenkt, der wird es verstehen.
Ja, er war nicht in der Lage eine Therapie zu machen. Jedoch hielt ihn das nicht davon ab alles andere zu versuchen, Dinge, die er selbst einleiten und kontrollieren konnte, Dinge die ihm nicht das Gefühl gaben ein Fremder stocherte in seiner Seele herum.
Sport, Hobbies, Freunde, Homöopathie, Antidepressiva - er bemühte sich vier Jahre, wieder ein Licht in seinem Leben sehen zu können. So sehr er uns auch geliebt hat - nach diesen vier Jahren hat er aufgegeben.
Ich bin stolz auf ihn.
Stolz darauf, dass er es so sehr versucht hat und ich habe mich nie zuvor so sehr geliebt von ihm gefühlt wie heute.
Vier Jahre lang ertrug er die Hölle auf Erden - aus Liebe zu uns.
Ich vermisse meinen Vater mehr als jemals zuvor einen Menschen, aber ich respektiere seine Entscheidung und für mich wird er eine der stärksten und mutigsten Personen bleiben, die ich jemals gekannt habe.


Er war weder selbstsüchtig, noch schwach - er hat einfach nur einen Kampf verloren, den er wie ein Held gekämpft hat.

Dafür, dass er sich so viele Jahre zuvor Fesseln hat anlegen lassen, von denen er sich nicht befreien konnte war nicht seine Schuld.
All die Wut die ich in den letzten Monaten hatte ist fort. Was bleibt ist eine tiefe Trauer und ein großes Loch in meinem Leben. Aber mein Vater hat mich geliebt - sehr sogar. Und mit diesem Wissen wird es irgendwann gut werden.
Wenn ich heute, ein halbes Jahr später an ihn denke, dann weine ich noch immer manchmal.
Ich fand neulich auf dem Speicher das letzte Hemd das er getragen hatte und das im Schlafzimmer lag. Ich habe damals einfach alles genommen und in eine dunkle Ecke gestopft, damit meine Mutter nicht 'darüberstolpert'.
Als ich die Weihnachtsdeko suchte kam es mir in die Hände. Ich überlegte kurz und dann roch ich daran.
Es roch nach Holz, nach Staub. Nach Speicher.
Papa ist fort. Gänzlich.
In diesem Moment traf es mich wie eine Bombe.

Aber die meiste Zeit muss ich lächeln, wenn ich mich an ihn erinnere.
Ich lächle, weil meine letzte Erinnerung an ihn ist, wie er in Badehosen im Garten steht, gießt und sich mit dem Hund unterhält.
Ich lächle, weil ich mich daran erinnere wie er manchmal so laut lachte, dass man es durch das ganze Haus hörte, dass er immer wenn er etwas erklärte die Hände ausstreckte und damit irgend einen Abstand symbolisierte. Daran, wie er jedes Jahr das erste noch warme Vanillkipferl probiert hat und grinste und daran, dass er zu Rosinen Weinberle sagte.
Ich erinnere mich an seinen fränkischen Dialekt, wie er meinem Freund beim ersten Treffen auf die Schulter klopfte und mir zunickte - wie er immer nach frischem Holz roch und wie er mit meinen Nichten gespielt hat.

Ich liebe Dich Papa - und wo immer Du nun auch bist - Du wirst hier immer fehlen, aber ich werde nie mehr mit Gram und Wut an Dich denken.
Ich verzeihe Dir - und ich verzeihe auch mir.

27.7.14 02:48, kommentieren

Mein Erster Geburtstag.

Du warst der erste Mann, der mir jemals Blumen schenkte.

ich hatte mich beschwert, dass mein (damals) Freund das nie auf die Reihe gebracht hatte und am Morgen meines 20. Geburtstages stand ein Strauß auf der Küchenanrichte.

Eine Sonnenblume und drei Gerbera. Das war das schönste Geschenk des Tages und einer der seltenen Momente in denen ich mich wie Dein Kind gefühlt habe, wie eine geliebte Tochter mit Wünschen und Träumen die respektiert werden.

Danke, dass Du damals zugehört hast.

Nun, am 27. wurde ich 24 und trotzdem fühlte es sich an wie der erste Geburtstag - zumindest dachte ich das.

Weil es der erste ohne Dich ist und ich nicht recht wusste, wie es werden wird.

Mama ging es fürchterlich, verständlich natürlich.
Trotz dessen dass sie zuletzt so viel Abstand genommen hatte liebte sie Dich trotzdem, auch wenn Du das nicht sehen konntest.

Ich habe zu meinem Geburtstag unter anderem vier Blumensträuße geschenkt bekommen.

Meine große Schwester sagte nur, typisch für sie, "Nun, wenn Papa das jetzt nicht mehr macht, dann mach ich das eben."


Ich glaube ein Teil von Dir, Papa, ist immernoch hier - ist in mir und den Menschen, die mich umgeben.
Immerhin habe ich sie ausgesucht.

Mein Freund hat mir die wundervollste Karte geschrieben, die ich je bekommen habe, ich konnte nur noch heulen als er bei Kerzenlicht mit einem großen Rosenstrauß vor mir stand, mich anlächelte und mir sagte, dass wir alles gemeinsam schaffen.

Du hast mir schrecklich gefehlt und am Vorabend meines Geburtstages habe ich ziemlich viel geweint, auch habe ich es nicht fertig gebracht Dir Blumen an Dein Grab zu bringen.

ich hatte es mir fest vorgenommen, war dann aber zu egoistisch mir und meiner Laune absichtlich einen solchen Dämpfer zu verpassen.
Aber ich habe viel an Dich gedacht.

Ich liebe Dich und Du fehlst mir sehr - und das wird immer so bleiben.

1.10.13 17:13, kommentieren

Durcherschüttert

Mein Kopf platzt.
Mir schwirren unzählige Gedanken durchs Hirn, so unendlich viele Fragen.
Ich fühle mich durchgeschüttelt – durcherschüttert, bis ins Mark.
Es ist vergleichbar mit dem flauen Gefühl nach einem heftigen Brechreiz. Man ist sich nicht ganz sicher, ob es nun das letzte Mal gewesen ist, dass das innerste sich nach außen kehrt, man ist einfach nur froh und auch ein kleines bisschen dankbar, dass dieses Mal überstanden ist - der ganze Körper zittert vor Erschöpfung.
Mit weichen Knien setzt man sich nieder wo immer man sich gerade auch befinden mag.
Man fragt sich, was noch alles aus einem herauswill, was da noch alles in einem rumort und ob und vor allem wann es sich nach oben kämpft.
Meine Seele ist so erschöpft, hat sich so oft erbrochen, erbrechen müssen ob all der Dinge die auf sie einstürmten. Ich bin so unendlich erschöpft.
Schwindelgefühl.
Wo ist Oben? Wo ist Unten?
Es mag nicht lange scheinen, doch für mich und meine Seele waren es nicht Tage, es waren Jahrzehnte, Äonen der Taubheit und des Stumpf-Seins.
Ich sitze auf dem Boden der Tatsachen und frage mich, ob meine Seele endlich fertig ist mit Kotzen.
Tätschle ihr das Köpfchen und halte sie damit am Leben ihr zu sagen, dass bald alles wieder gut wird.
Ich bin so unendlich müde, so fertig mit traurig sein, so angewidert vom Wütend Sein – es ist die Ruhe nach dem Sturm.
Der graue stille Morgen der mit all seinem Schweigen erst einmal erkennen lässt, welche Verluste die Schlacht mit sich brachte.
Abschätzen lässt, was rettbar was verloren ist.
Meine Seele rollt sich mit mir gemeinsam auf dem Boden der Tatsachen zusammen, vom Schmerz endlich ein Stück weit befreit und so maßlos erschöpft.
Wir warten nicht auf einen neuen Tag, beten nicht dafür, dass die Sonne herauskommt, wir freuen uns einfach nur, dass es aufgehört hat zu regnen.
Dass der Brechreiz endlich vorbei ist.
Ich streichle meine Seele in den Schlaf, kann kaum die Augen offen halten.

Wir sind so leer, so aufgebraucht, wir sind müde, unendlich müde.

Lasst uns schlafen.

10.9.13 16:59, kommentieren

Ich bin jetzt Halbwaise.

Was ist das eigentlich für ein 2013? Will mir irgend jemand da draußen irgendetwas damit sagen?
Ich berichtete von einem Jahresbeginn voller Weltensprünge und Explosionen.


Ich hatte ja keine Ahnung.


Ich bin jetzt Halbwaise.
Bevor ich nun weitererzähle möchte ich Euch das Lied zeigen, das eine Freundin auf der Beerdigung gesungen hat - begleitet von einer Akustikgitarre.

Doro Pesch - in Liebe und Freundschaft




Mein Vater ist tot. Mit 50.
Herzinfarkt? Krankheit?
Nein.

Er hat sich erhängt. Vier Wochen ist das jetzt her.
Ohne letzte Worte - ohne überhaupt ein einziges Wort.
Mehr möchte ich zu diesem Zeitpunkt zu diesem Thema nicht sagen.

Nun hat es sich begeben, dass vor zwei Wochen mein Hund starb - mit ganzen sieben Jahren.

Vor einer Woche habe ich erfahren, dass mein Onkel unheilbar an Krebs erkrankt ist und als Quittung für meine mangelnde Konzentration und die zwei Wochen andauernde Krankschreibung habe ich nun am Dienstag auf der Arbeit die Standpauke meines Lebens und eine Abmahnung erhalten.
Oh, und vor knapp drei Monaten habe ich erfahren, dass ich mit 23 im Besitz von sage und schreibe acht Nierensteinen bin.

Macht sich jemand Illusionen, wie weh Pinkeln eigentlich tun kann?

Und habe ich erwähnt, dass die Ehe meiner Schwester den Bach runtergeht?

Da frage ich mich doch gut gelaunt: What's next?

2012 dachte ich grob zu wissen, wohin das nächste Jahr mich führen wird.
Meine Eltern kriegen ihre Ehe wieder in den Griff, ich ziehe mit meinem Freund zusammen, mein Studium läuft besser - so Sachen eben.


Und nun?


Trotzdem hat dieses Jahr, das so viele lebensverändernde Einschläge mit sich brachte auch ein wundervolles Geschenk für mich bereitgehalten: Meinen Freund.

Nicht den Trottel, den ich (danke, danke, danke!) im Januar verlassen habe, sondern diesen wundervollen, motzigen Nörgler, den ich vor einem halben Jahr als mein Pflänzchen beschrieb. Als meine grüne Wiese.

Auch bevor dieser Shitstorm sich über mein Leben ergossen hat zeigte sich eines: Ich liebe ihn. Und zwar ganz anders als ich je zuvor geliebt habe.
Erwachsener. Unvergleichlich.

Ich bin schon lange nicht mehr der Mensch, der jemanden braucht der ihn an die Hand nimmt weil er sein Leben nicht allein auf die reihe bekommt.
Trotzdem oder gerade deswegen bin ich unendlich dankbar dafür, dass es ihn gibt.

All die Kraft, all die Liebe und Geborgenheit die dieser Mann mir schenkt lässt mich völlig sprachlos zurück.

Ich sagte ihm, was passiert war - wie es passiert war.
Dass mein Vater sich das Leben genommen und meine Mutter ihn gefunden hat. Dass er keine letzten Worte hinterlassen hat.
Dass er meiner Mutter das Herz gebrochen hat - uns allen.
.
Vermutlich versteht es keiner, das ist aber auch völlig egal, denn mir hat es die Welt bedeutet, was er geantwortet hat, weil es genau das war, was ich dachte.

Er sah mich an und sagte "Was für ein Arschloch."

Als auf der Beerdigung jeder einmal am Grab gestanden hatte (es waren ungefähr 900 Leute da, kein Witz) kamen wir an die Reihe.
Es fühlte sich an wie eine kleine Unendlichkeit, all diesen Menschen dabei zuzusehen wie sie Blumen und Erde und Weihwasser in dieses Loch warfen und spritzen. Es waren bekannte Gesichter dabei, aber auch fremde.
Und meine besten Freunde waren da - und so komisch es klingt, ich war froh, dass sie nicht an sein Grab sind. Sie standen etliche Meter weit weg unter einem Baum und ich wusste: Sie sind nicht seinetwegen hier. Sie sind hier, um mich zu unterstützen.
Nur für mich allein.
Das größte Geschenk an diesem Tag.

Trotzdem, irgendwann waren Mama, meine Schwester und ihr Mann und nicht zuletzt ich an der Reihe.

Ich stand mit hohen Schuhen im Gras, meine Absätze versanken.
Ich sah auf den Sarg in diesem Loch hinunter, so bedeckt mit losen Blumen und diesem wunderschönen Bouquet , dass ich kaum noch etwas vom Holz sah.

Ich sah in dieses Erdloch hinunter und die Zeit stand still-für den Bruchteil einer Sekunde nahm ich nichts wahr als mich und dieses Loch in dem mein Papa liegen sollte. Weil er es so wollte.
Und plötzlich drehte sich die Welt weiter.
Meine Beine gaben mit einem Ruck nach - gefallen bin ich nicht.


Mein leben war noch niemals ein solches Chaos- ich noch niemals so verletzt und traurig wie im Augenblick.Aber ich war auch noch nie im Leben so unermesslich dankbar.

Für meine Freunde, für den wundervollen Mann an meiner Seite.

29.8.13 23:37, kommentieren

Barfuß im Gras. Vom Stockholm-Syndrom und grünen Wiesen.

Explosionen, Weltensprünge. So ging 2013 wirklich gut los.

Der Boden unter meinen Füßen ist zusammengebrochen. Staubig-rissiger, bröseliger Boden. Steinhart und sandig.

Aber der Schmutz hat sich gelegt.

Tatsächlich bin ich dankbar dass ich aus dieser Welt herausgeprügelt wurde, nur beschämt es mich zugeben zu müssen, dass mein einziger Verdienst daran nicht etwa darin liegt mich selbst befreit zu haben, sondern lediglich darin, nicht zurück gekrochen zu sein, auch wenn ich den ersten Stein geworfen habe der die Trennung ins Rollen brachte.

Im Nachhinein lese ich alte Blogeinträge, schüttle den Kopf.
Wie sehr ich mich selbst in Watte gepackt habe, bis ich völlig stumpf geglaubt habe, was ich mir selbst schön redete.
Ich habe mich vor mir selbst erschrocken.
Viele Dinge, von denen ich überzeugt war ich täte sie für mich allein, aus Eigeninitiative, waren ein langweiliger Anpassungsversuch meinerseits an eine Welt in die ich, wie ich nun merke, überhaupt nie gehören wollte. Danach ist man eben immer klüger. Dass dieser Gedanke dem Selbstschutz erwuchs ("Du willst mich nicht, also will ich Dich auch nicht!") kann ich glücklicher Weise für mich ausschließen. Warum?
Nun, wer mir nicht bis hier her folgen kann, der sei auf den Eintrag "Ein Brief an Dich" verwiesen.


Meine Wüste hat sich also in ein Nichts aufgelöst durch diesen notwendigen Sturm.
Wer hätte ahnen können, was darunter liegt?

Denn nun stehe ich - überraschender Weise - barfuß im Gras.
Wie sehr ich das vermisst habe!

Im Studium komme ich voran. (Endlich hat sich ein Knoten gelöst!!)
Die letzten Prüfungen liefen gut, besser als erwartet. Strafrecht sogar zweistellig bestanden - wenn das mal nicht ein Schritt in die richtige Richtung ist!
Freude macht sich breit, wenn ich daran denke, dass die Uni bald wieder losgeht. Schön! Das darf so bleiben.

Ich gebe zu, es ist trotz allem eine enorme Erleichterung, dass die Studiengebühren abgeschafft wurden, immerhin bin ich ja noch immer der Meinung ich müsse mich weitestgehend allein finanzieren. Und dass ein Studienwechsel mich nun nicht völlig in den finanziellen Ruin stürzt ist doch gewissermaßen befreiend. Auch wenn ich glaube die Kurve fürs Erste gekriegt zu haben, die Resultate sprechen zumindest für sich. Aber ein Plan B ist auch etwas schönes!

Ich habe plötzlich so unendlich viel Kraft die ich in andere, schönere Dinge investieren kann. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so glücklich gewesen bin.

Etwas irritierend - Schuld an diesem Glücklichsein trägt unter anderem mein Verflossener. Irgendwie zumindest.

Vielleicht erinnert der Ein oder Andere sich daran, vor ein paar Wochen schrieb ich in "Ein Brief an Dich" folgendes:

'Du weißt, dass ich daran glaube, dass man nichts im Leben umsonst tut und erträgt. Dass alles einen irgendwohin führt. Dass ich trotz allem an die Liebe glaube.
Dass ich daran festhalte, dass ich irgendwann irgendwo ankomme.'

Ich hatte eine wundervolle Zeit mit mir allein und meinen Freunden. Zweifelsohne. Ich habe gemerkt, wie viel ich ganz allein kann und wie viel ich mir selbst wert bin - auch ohne Partner. Nun hat es sich allerdings ergeben, dass ich gar nicht mehr ohne Partner bin.

Vor ein paar Monaten wollte die Schwester meines Verflossenen uns zu einem Doppeldate schleifen. Sie hat mir Bilder geschickt und erzählt und erzählt von dem Mann.
Zwar kam dieses "Date" nicht zu Stande (ein aus vollstem Herzen sarkastisch gemeintes "Danke!" an meinen Ex-Schwiegerdrachen in Spé), trotzdem ergab es sich, dass ich Kontakt zu ihm aufnahm.
Ironischer Weise um ihn nach seiner Ringgröße zu fragen, da ich mit dem Gedanken gespielt hatte meinem Ex einen Ring zu Weihnachten zu schenken. Prinzessin Egomania a.k.a die Schwester meines Ex' verwies mich an diese ihre bekanntschft, da die beiden wohl recht ähnliche Ringgrößen hätten.
Kurz darauf hatte sich die Sache zwischen seiner Schwester und besagtem Mann allerdings erledigt, der Herr verfügt zugegebener Maßen über eine sehr viel bessere Menschenkenntnis als ich und ließ sehr schnell die Finger von ihr.

Eine kurze Weile nach der Trennung nahm ich den Kontakt dennoch wieder auf - einfach zum quatschen.

Und nun, nun habe ich diesen wundervollen Menschen gefunden und kann mein Glück kaum fassen.
Er bringt mich zum lachen, zum nachdenken, zum die-Welt-umarmen-wollen.
Diesen Menschen, der mich ansieht und mir einfach nur sagt "du bist wunderschön."

Ich habe nie bezweifelt, dass ich jemanden finde den ich irgendwann auf eine Weise lieben kann, die nicht annähernd so destruktiv ist wie die Liebe zu meinem Ex es war.
Nur habe ich nicht erwartet, dass allein die Vorfreude auf die Möglichkeit dieser Liebe mich so viel glücklicher machen kann als ich je gewesen bin und erst Recht nicht, dass mich gerade diese sechs Jahre mit meinem Ex in die Arme des Mannes führen, der für eine solche Liebe definitiv in Frage kommt.
Ich fühle keinen Druck, keine Angst. Und wenn ich doch einmal unsicher werde - Himmel, ich kann es ihm einfach sagen und er nimmt mich in den Arm und sagt mir, dass ich es nicht zu sein brauche. Und ich glaube ihm.
Zum ersten Mal habe ich das Gefühl am Beginn von etwas ganz ganz Großem zu stehen und mich unsagbar darauf zu freuen. Und trotzdem habe ich es nicht eilig.

Ich bin glücklich. Ich bin unendlich glücklich. Und das nun schon seit einer ganzen Weile.

Meine Zukunft erscheint mir nicht mehr anstregend und voller Kämpfe. Ich habe gemerkt, wie viel ich alleine kann. Und wie es sich anfühlt, wenn es nicht nur noch ein "wir" gibt, sondern auch noch ein Ich.
Vor allem aber, wie schön es ist, wenn man beides hat.

Ich freue mich unsagbar darauf, zuzusehen und herauszufinden was aus dieser kleinen Pflanze in meiner neuen grünen Wiese wird.

Ich bin endlich angekommen. Zumindest für den Moment.

2 Kommentare 12.3.13 20:57, kommentieren

Ein Brief an Dich. Ein Roman zum Ende einer Odyssee.

Ich habe Dir die Pistole auf die Brust gesetzt - endlich.
Steh zu Deinem Wort, reiß Dich endlich zusammen und kriege Dein Leben auf die Reihe.
Ich habe lange und oft mit Dir darüber geredet.

Und dann? Dann habe ich abgedrückt.





Ein Brief an Dich.

"Ich bin frei.

Vor sechs Jahren habe ich mich in Dich verliebt.
Dich Borderliner, Dich Masochisten, Dich exzentrischen, kaputten Mann. Dich Alkoholiker, Dich Feigling der Du nicht ein einziges Mal hinter mir standest, der Du nicht ein einziges Mal in Deinem Leben wenigstens den Versuch gewagt hast für das was Dich berührt einzustehen.

Drei Mal hast Du mich verlassen. Einmal für eine andere, einmal, weil Deine Mutter es so wollte, einmal einfach so, ohne eine Erklärung, ohne ein einziges Wort.

Jedesmal kamst Du wieder - nach Wochen, nach Monaten. Immer dann, wenn ich mich gerade gefangen hatte. Hast an meinen unendlichen Glauben in die Liebe - in Dich - appelliert. Hast mir erzählt wie sehr Du mich brauchst, dass es der Größte Fehler Deines Lebens gewesen sei mich zu verlassen.
Jedesmal bin ich zurück zu Dir.
Habe Dich vor Freunden und Familie verteidigt, die eine neue Chance gegeben.

Mein bester Freund sagte mir, 'Du verzeihst zu schnell. Dass Du überhaupt verzeihen kannst - wirklich aufrichtig vergeben kannst - ist eine Deine wunderbarsten Eigenschaften, aber eine, mit der Du Dir selbst mehr weh tust, als Du es verdient hast.'.

Trotzdem habe ich Dir verziehen. Habe versucht Dich zu verstehen. Habe es zeitweise sogar geschafft.
Ich habe so oft über die Grenzen meiner Kraft hinaus für uns beide gekämpft, versucht mit deinem selbstauferlegten Schlaf- und Nahrungsentzug zurecht zu kommen. Habe darum gekämpft Dich davor zu bewahren, in den Alkoholismus abzurutschen, zeitweise gelang mir das sogar.
Ich habe meine Freunde vernachlässigt, mein Jurastudium, meine Arbeit - alles dafür, dass Du mir immer und immer und immer wieder in den Rücken gefallen bist.
Ich habe alles gegeben.
Ich war liebevoll, zärtlich, bestimmt, konstruktiv, habe dich angeschrien, gebettelt, damit Du endlich zur Vernunft kommst.

Trotzdem konnte ich diese Abwärtsspirale die dein Leben ist nur verlangsamen.
Dir Trost spenden, Dich wieder aufbauen.
Dennoch war ich diejenige, die früh um drei Anrufe bekam, von ihrem Freund der ihr sagt, dass er jetzt vor einen Zug springt und dass sie alleine Schuld ist weil die Liebe zu ihr ihm gezeigt hat, was er wegen seiner Mutter niemals haben darf. Weil er nicht die Kraft hat sich zu widersetzen, wenn sie sagt, dass "die Hure ihm ein Kind anhängt um ihn ihr wegzunehmen". Du sagtest, dass all das Glück, dass du meinetwegen empfindest Dich so traurig macht, weil am Ende deine Mutter gewinnen wird.

Und ich konnte all die Jahre, all die Zeit nicht verstehen, warum ich den Absprung nicht wert war.
Ich war oft so wütend auf Dich, weil Du es Dir so einfach gemacht hast, weil Du statt zu kämpfen einfach resigniert hast. 'Es geht nicht.'
Ich war die, die jeden Tag darum gekämpft hat, dass du daran glaubst, dass es geht. Manchmal wünschte ich mir, ich hätte auch aufgegeben - das hätte mir sehr viel Leid erspart. Doch das wäre nicht ich gewesen.

Trotzdem habe ich nicht kapiert, warum Du nicht gegangen bist. Warum Du Dir verbieten lässt das Haus zu verlassen, mich zu sehen.
Ich habe versucht zu verstehen, wieso sie so reagiert um den richtigen Ansatz zu finden.
Habe versucht zu verstehen, wieso sie Dir Whiskey hinstellt, damit Du nicht mehr fahren kannst, wenn Du zu mir willst, wo es doch so offensichtlich war, dass Du Probleme mit dem Trinken hast.

Ich habe jeden einzelnen Tag meine verlorene Schlacht gekämpft, damit Du dich Stück für Stück befreien kannst. Dich aufgebaut, ermutigt, unterstützt.
Nur mich, mich hat niemand getröstet. Oder aufgebaut. Oder ermutigt.
Ich soll mich zusammen reißen. ich soll aufhören mit dem traurig sein, hast Du gesagt, als ich dich gebeten habe bei mir zu sein, als es mir damals im Sommer so schlecht ging.
Ich soll Dir nicht mit "diesem emotionalen Scheiß" kommen, als ich geweint habe, weil wir uns seit Wochen nicht sehen konnten.
Dass ich mein Studium durchzuziehen habe weil ich mit 23 'eh schon zu alt bin um was neues anzufangen'.
Dass ich 'wenigstens noch Jura studiere, auch wenn es nicht Medizin ist. Aber der Doktortitel muss schon sein.'
Im Nachhinein erscheint es mir wie ein böser Traum, dass ich mir das habe gefallen lassen, dass ich, als Du in meiner Vorlesung saßt und der Meinung warst du wüsstest es besser als der Professor selbst nur gelächelt und mir gedacht habe 'schon klar'.
Ich hätte mir an den Kopf fassen, oder besser, deinen hart gegen die Tischkante schlagen sollen.

Trotzdem war ich oft glücklich. Meistens leider, weil ich das beste aus der Situation gemacht habe.
Manchmal aber auch, weil wir wirklich Grund zum glücklichsein hatten.
Zuletzt im August.
Es war ein Festival, sechs Monate vor unserer Trennung. Zum ersten Mal habe ich Dich ein paar Tage am Stück gesehen. Du hast jedem erzählt, dass ich die Frau sei, die Du heiraten wirst. Die Liebe deines Lebens.
Und dann hast Du Dich bekifft, Dich betrunken und ich war die Spielverderberin, weil ich Dich angeschrien habe, als Du Dir im Suff mit einer Raviolidose die Hand zerschnitten hast. Ich war die "Spießerin", weil ich deine Schnitte desinfiziert und verbunden habe, nachdem Du mich mit dem fauligen Zeug auch noch beworfen hast, das drei tage in der Sonne gestanden hatte.

Deine Mutter rief immerzu an. Wollte wissen, was ich tue, wollte wissen, ob ich Dich und Deine Schwester zu üblen Dingen verleite, euch anstachle, eure Moral schleifen zu lassen.
Du hast versucht während eines bestimmten Telefonats nicht zu kotzen und gerade zu stehen, Deine Schwester lag betrunken auf irgend einem dreckigen Metaller.

Ich war nüchtern und habe mich für euch beide zu Tode geschämt.
Habe sie ins Bett geschleift und später Dich halb auf mir liegend zurück zum Zeltplatz gezerrt, mich zusammen gerissen, mir eingeredet, dass ich mich nicht aufregen soll, ich müsse das verstehen, so oft hast Du nicht die Gelegenheit "die Sau rauszulassen".
Ich habe all die Stimmen in meinem Kopf ignoriert, genau wie die Menschen um uns herum die um halb vier Uhr morgens auf deine Sprüche mit "Alter, ich glaube Du solltest echt mit Deiner Freundin mitkommen" reagiert haben.
Ich dachte nicht, dass man auf einem Metalfestival ungefragt Beziehungsratschläge von fremden Menschen bekommen kann - die einem dann sagen 'Mädchen, das sieht nicht gut aus.'.
Schamesröte. Immer wieder. Und die Frage, warum ich mir das antue.
'Weil Du ihn liebst, weil er es nicht so meint'.
Schämst Du Dich nicht?
Ich schon. Für Dich, weil Du Dich so gehen lässt manchmal, für mich, weil ich es ausbade, statt Dich da oben liegen zu lassen.

Für Dich bin ich in meinem Nebenjob geblieben, der mich fast mein Studium gekostet hätte, weil Du immer wieder den Umzugstermin in die gemeinsame Wohnung verschoben hast, aber nur um sechs Monate, sodass es sich für mich nicht gelohnt hätte, mir etwas neues zu suchen.
Wie oft hast Du mich im Streit stehen lassen? Mich ignoriert mit der Begründung mein "Fehlverhalten müsse angemessen bestraft werden, ohne strafe wirkt Erziehung nicht."

Wie oft bin ich ausgeflippt, weil ich kein verdammtes Hündchen bin und wurde mit noch mehr Schweigen bestraft?

Warum habe ich das alles so lange ertragen (können)?

Weil ich an Dich geglaubt habe, an uns.
Weil Du so oft der zuvorkommende, charmante Mann warst, in den ich mich verliebt habe.
Der mit mir im Gras lag und sich bedankt hat für all das, was ich für ihn tue. Weil Du manchmal auch der Mensch warst, der mir meine Sorgen und Gedanken von den Augen abgelesen hat. Weil ich mich bei dir sicher gefühlt habe, geborgen.
Aber irgendwann hast Du über all Deine eigenen Probleme die Du Dir selbst herangezogen hast vergessen, dass Beziehung nicht nur nehmen heißt. Irgendwann im Frühsommer ging das los.
Irgendwann dämmerte mir, dass es nicht besser wird. Nach anderthalb Jahren Beziehung. Nach insgesamt vier einhalb Jahren als deine Freundin, nach sechs Jahren in denen ich Dich liebte.
Himmel, wie konnte ich hier hineingeraten? In diese Rolle?

Es war nicht richtig, ich wollte endlich wissen, ob Du anders sein kannst. Ob es wirklich an Deiner Familie liegt.
Ich habe Dein Versprechen eingefordert. Steh zu mir. Steh wenigstens zu Dir selbst. Kein Hinauszögern mehr, kein Vertrösten. Fang wenigstens an ein eigenes Leben aufzubauen.

Du hast ein halbes Jahr Zeit, dann bin ich weg, wenn sich nichts getan hat.

Ich dachte ich sei es Dir wert.

Und dann kamst Du. Du würdest in die Schweiz gehen, ein Jahr lang.
Auf meine Frage, ob ich in diesem Plan irgend eine Rolle spielen würde, hast Du geantwortet mit "erst baut sich jeder selbst etwas auf, dann zusammen."
Ich fragte weiter. Ob Du ernsthaft erwartest, dass ich noch ein paar Jahre herumsitze und darauf hoffe, dass sich danach herausstellt, dass wir zusammen passen.
Für Dich war das selbstverständlich.

Für mich war meine Entscheidung beinahe gefallen.
Trotzdem, ich wollte wissen, ob Du ernsthaft noch eine Zukunft für uns siehst, wenn Du so denkst und planst. Natürlich.

Ich grübelte weiter. Und grübelte. Und grübelte.
Zwei Wochen später hast Du dem ganzen die Krone aufgesetzt. Endlich.
Ich war mir noch zu unsicher gewesen meinen Entschluss in die Tat umzusetzen, wollte ein paar Wochen abwarten.
Der Gedanke Dich zu verlassen war für mich so neu, so unwirklich, dass ich ihn selbst erst verdauen wollte.
Du hast mir dabei geholfen. Indem Du das dümmste, das dämlichste und feigste gesagt hast, was ich je gehört habe, dort in diesem Café.

Du hättest über meine Frage nachgedacht, ob Du eine Zukunft für uns siehst.
Ich solle Dich bitte davon überzeugen, dass wir eine haben. (In meinem Kopf dröhnt es. WIE BITTE!?)
Wir haben uns getroffen, den Ort hast Du ausgesucht. Die Kirche an der wir uns nach drei Jahren Trennung damals getroffen haben. Du wolltest mich zur Begrüßung küssen, hast breit gelächelt. Ich verweigerte mich und Du fragtest ernsthaft wieso.

Wir suchten uns einen Ort zum reden. ich fragte, wieso Du nun doch zweifelst. Für mich war klar, dass ich dieses Café als Single verlassen würde, nur wollte ich vorher noch Antworten.
Und dann kam es. Es ging um Deine Mutter.
Ich musste Dir vor einigen Monaten versprechen, dass ich nichts unternehmen würde, dass wir jeden Schritt gemeinsam gehen würden, wenn es um sie geht.

Du hast mir vorgeworfen, dass ich Deine Wünsche respektiert habe, dass ich mein Versprechen nicht (!!) gebrochen habe obwohl ich 'es besser hätte wissen müssen', obwohl ich 'hätte wissen müssen', dass du es nicht ernst gemeint hast, als du mich gebeten hast Dir mein Wort zu geben. ich hätte für unsere Beziehung deine Wünsche ignorieren müssen. Alles meine Schuld. Ich hab es gegen die Wand gefahren, weil ich das getan habe, was wir gemeinsam beschlossen haben und mich nicht über Dich hinweggesetzt habe. Wirklich?

In diesem Moment, in dieser Ecke in dem romantischen Café hat es mich getroffen wie ein Donnerschlag.
Du, der du nicht ein einziges Mal einen Finger krumm machen konntest für mich, für uns, der Du der feigste und rückgratloseste Lügner bist, der mir je begegnet ist - du hast jeden Funken meiner Liebe zu dir aus mir herausgeprügelt, verbal, immer und immer wieder. Und endlich, endlich, ENDLICH nach sechs Jahren habe ich es begriffen.
Du wirst Dich nie ändern. Du wirst nie der Mensch sein, der meine Liebe verdient hast.

Ich habe Dich angesehen und gefragt, wieso Du es nicht aussprichst. Wieso Du nicht gehst. Und zum zweiten Mal in meinem Leben habe ich Dich weinen sehen.
Ich sagte "weil Du Angst hast, den größten Fehler Deines Lebens zu machen indem Du mich gehen lässt, nur weil du zu feige bist, dich gegen deine Mutter zur Wehr zu setzen. Weil Du eine Scheißangst hast, dass Du irgendwann dasitzt und endlich kapierst, dass ich einen Scheiß die Schuld daran trage, wie das mit uns gelaufen ist."
Diesen irritierten Blick werde ich nie vergessen. Normalerweise drücke ich mich nicht so aus. Bin nicht so kalt. So direkt.
Aber dann hast Du genickt.
Du hast nach einem Strohhalm gesucht. Fast flehend: "Du hast doch auch keine Kraft mehr"
Ich hab Dich angesehen, in diese Augen, in denen ich mich oft so sehr verloren habe. Ich habe nichts darin gsehen. Zum ersten Mal.
Ich habe dir gesagt, dass ich weitergekämpft hätte. So lange es nötig gewesen wäre.
Und dann bin ich gegangen. Endlich. ICH BIN GEGANGEN.

Du folgtest mir, hast mir angeboten mich nach Hause zu fahren. Und ich sagte "lieber werfe ich mich vor einen Zug und hoffe zu Hause abzufallen, als mich von dir nach Hause bringen zu lassen."
Du hast in den Himmel gesehen, den Schnee. Und dann hast Du mich angesehen und gesagt "Du hast gewonnen. Du bist die Stärkere von uns beiden. Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann einen Mann findest, der Dir das gibt, was mir verwehrt wurde. Dem seine Familie kein Bein stellt."
Ich war ruhig, fast schon kalt. Ich habe gesagt "Ich wünsche Dir, dass Du irgendwann begreifst, dass es in einer Beziehung nicht ums gewinnen geht. ich wünsche Dir, dass Du irgendwann das Wort 'Partnerschaft begreifst', dass Du es irgendwann schaffst den Menschen zu finden, den Du genug liebst um endlich zu kämpfen. Ich wünsche dir, dass du nur ein einziges Mal in deinem leben um das kämpfst, was du liebst, statt die Schuld immerzu bei anderen zu suchen"
Du sagtest "Ich liebe Dich immernoch Hase, daran liegt es nicht." Du wolltest mich umarmen, hattest wieder Tränen in den Augen.
Ich habe einen Schritt zurück gemacht. Dich gefragt, ob Du Dir darüber im Klaren bist, dass Du mich nie wieder sehen wirst. Dass ich weder Kontakt wünsche, noch jemals wieder dein Gesicht sehen will, nach all dem was passiert ist.
Du sagtest, Du würdest Dir niemals verzeihen, was du mir in den letzten Jahren angetan hast, dass Du Dir nie verzeihen könntest, dass Du mich seelisch zerstört hättest.
Ich hab gelächelt und gesagt "wenn Du Dir je die Mühe gemacht hättest mich kennen zu lernen wüsstest Du, dass niemand, nicht mal Du mich seelisch zerstören kann. Du hast Recht, ich bin die Stärkere. Und Du kennst mich nicht."
Und zum ersten Mal in sechs Jahren hast Du genau das begriffen.
Ich habe mich umgedreht und bin gegangen. Erhobenen Hauptes. Ich habe nicht einmal zurückgeblickt.
Kaum warst Du außer Sicht habe ich angefangen zu weinen wie noch nie in meinem Leben, mitten im U-Bahnhof, umgeben von hunderten Menschen habe ich geflennt wie ein Schlosshund und kapiert: Diesmal ist es wirklich vorbei.

Für immer.

Das Schlimme an der Sache war, dass ich nicht um Dich geweint habe.

Kennst Du das, wenn Du um einen geliebten Menschen weinst? Du siehst Bilder, Erinnerungen in deinem Kopf, Du hörst die Stimme desjenigen.
Ich habe nicht ein einziges Mal Dein Gesicht gesehen.

Und das hat mir den Rest gegeben, weil ich mich unweigerlich mit der Frage konfrontiert sah: Wie lange liebe ich Dich eigentlich schon nicht mehr, sondern habe gekämpft, weil ich es gewohnt war?

Nein, ich habe Dir nicht eine Träne hinterhergeweint.

Ich habe um mich selbst geweint. Um meinen Stolz, um den Respekt vor mir selbst, ich habe um die starke Frau geweint, die unter Dir fast erstickt wäre. Weil ich so naiv, so dumm, so blind gewesen bin.
Ich habe mich vor mir selbst geschämt.

Nun schaue ich auf all das zurück und es erscheint mir wie ein böser Traum.

Ganze drei Tage hat es gedauert, bis ich wieder lachen konnte.

Drei Tage habe ich gebraucht, bis es nicht einmal mehr in den Fingerspitzen kribbelte, als ich an Dich gedacht habe.
Ich habe all den Kram, der mich an Dich erinnert weggeräumt. Was mich wirklich etwas getroffen hat - für gewöhnlich packe ich solche Dinge in einen Karton, um sie irgendwann noch einmal herauszuziehen und anzusehen.
Ich habe keinen Leeren gefunden.
Also habe ich all das Zeug weggeworfen oder verschenkt.

Alles was noch übrig ist, sind ein paar alte Briefe an Dich und ein Foto von uns beiden. Das einzige, das ich ansehe und mich an eine schöne Zeit erinnere.

Nach all den Jahren ist nicht einmal mehr genug Emotion für mich dabei, um die alten Sachen aufzuheben. Das hat mich traurig gestimmt. Aber es erleichterte mich auch - weil es mir selbst gezeigt hat, dass ich niemals wieder Gefahr laufen werde, auch nur ein Fünkchen Interesse an Deinem Leben zu entwickeln.


Ich bin frei.
Ich kann endlich atmen.
Ich bin glücklich.

Du weißt, dass ich daran glaube, dass man nichts im Leben umsonst tut und erträgt. Dass alles einen irgendwohin führt. Dass ich trotz allem an die Liebe glaube.
Dass ich daran festhalte, dass irgendwann irgendwo ankomme.
Ich habe nicht umsonst um uns gekämpft. Es hat mich nicht zu dir geführt - Gott sei Dank! - aber ich bin dennoch nicht enttäuscht worden.
Versteh das nicht falsch - so lange ich es getan habe, habe ich gerne für uns gekämpft und ich bereue noch heute keinen Tag, aber nicht um deinetwillen, sondern weil es mir selbst gezeigt hat, was ich kann.

Ich bin stärker geworden, so viel stärker als Du es mir je zugetraut hättest, ich bin klüger geworden und vor allem werde ich mich niemals wieder so behandeln lassen. Ich musste schon immer ein paar mal auf die Nase fallen, um die wichtigen Dinge des Lebens zu lernen.

Du warst jahrelang nicht Teil meines Lebens, Du warst mein Leben. Die Lektionen, die ich gelernt habe waren alles andere als einfach. Aber ich habe unendlich viel mitgenommen. Nicht zuletzt das Gefühl endlich zu wissen, wo ich hingehöre - ob mit oder ohne Partner.

Ich wünsche Dir, dass Du den Absprung schaffst und irgendwie glücklich wirst. Mehr als alles andere.
Aber Du wirst niemals wieder einen Schritt in mein Leben setzen, ganz gleich was kommt. Ich bin endlich frei.



Danke."

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